Nichts ist dringender als die historische Aufarbeitung der Gründungsphase aller Bundesministerien, des BND, des BKA und aller Innen- und Justizministerien. Mit welchen Personen wurden denn bei der Gründung der Bundesrepublik zusammengearbeitet? Es waren doch keine anderen da ausser ehemaligen NS-Schergen und einigen versprengten Regime-Gegnern wie der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.
Reinhard Gehlen wäre nach heutigem Recht ein Hoch-und Landesverräter, denn er ist mitsamt seinen ganzen Akten der Abteilung "Fremde Heere Ost" zu den Amerikaner übergelaufen. Die gründeten die "Organisation Gehlen", die dann später in den BND umgewandelt wurde. Seine Gründungsmitglieder waren Offiziere seines ehemaligen Stabes, Mitglieder des Amtes Ausland Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht, des SD, der SIPO und der Geheimen Feldpolizei. Sie putzten ihre Lebensläufe, liessen ihre Stammakten in der Wehrmacht und im Reichssicherheitshauptamt verschwinden und spielten die Saubermänner bis weit in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts.
Nicht anders erging es dem BKA und den Kriminal-Schutz-und Bereitschaftspolizeien, die allesamt dem Repressionsapparat des NS-Regimes angehörten. Sie waren entweder beim SD, bei der SIPO, bei der Gestapo oder stellten die Einsatzkommandos im Osten. Höhere SS- und Polizeiführer in besetzten Gebieten waren sich keiner Schuld bewusst und krochen in den bundesrepublikanischen Organisationen unter.
Die Justizministerien wussten sehr genau um die Verbrechen von Richtern, Staatsanwälten und Ministerialbeamten. Kein einziger dieser Juristen wurde je für die NS-Blutjustiz zur Verantwortung gezogen. Es kam zu absurden Szenen in den Gerichtssälen: Dieselben Richter am Oberverwaltungsgericht Schleswig, die die Enteignung der Juden justiziabel gemacht hatten, durften später über deren Entschädigung und Wiedergutmachung entscheiden. Die NS-Professoren sassen bräsig auf ihren Lehrstühlen und verdarben gleich die nächste Generation der Juristen.
Es wird höchste Zeit, dass Deutschland endlich mit seiner Vergangenheit aufräumt! Damit bekommt der alte Sponti-Spruch der 68iger eine völlig neue Bedeutung: Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren, nämlich vom 1000 jährigen Reich! Wer sich heute noch gegen die Aufarbeitung durch die Historiker wehrt, hat nichts dazugelernt. Man höre und staune. Joschka Fischer, der ehemalige Aussenminister, ist sogar entsetzt darüber, dass die Diplomaten des Auswärtigen Amtes vom Holocaust gewusst oder sogar aktiv daran beteiligt waren. Hat Herr Fischer etwa noch nie etwas von der Wannsee-Konferenz gehört, wo der Holocaust verwaltungstechnisch beschlossen wurde und an der sämtliche höchsten Ministerialbeamte aller Reichs-Ministerien, auch des Auswärtigen Amtes, teilnahmen? Glaubt irgend jemand heute noch allen ernstes daran, dass die Lügen und Verdrängungsrituale unserer Väter "Das hat man ja alles damals nicht gewusst" auf ewig Bestand haben werden?
Mein Vater war ein glühender Nazi, erst Mitglied des Freikorps "Der Stahlhelm", dann Truppführer bei der SA, Mitglied des Reichsrechtswahrerbundes und schliesslich Sonderführer-Z des Amtes Ausland Abwehr Wehrmacht im Militärbezirk C in Dijon. In seinem Verantwortungsbereich wurden 7.000 Juden und Mitglieder der Résistence deportiert. Im Jahre 1949 bot ihm der BND den Posten eines Regierungsrates an und versprach, sämtliche Hiweise auf seine Vergangenheit zu tilgen. Heute existieren nicht einmal mehr seine Wehrmachtsstammrolle oder Unterlagen seiner NSDAP Mitgliedschaft, seiner Mitgliedschaft im NS-Rechtswahrerbund, seiner SA-Mitgliedschaft oder seiner Zugehörigkeit zum SD im Reichssicherheitshauptamt ab dem 20 Juli 1944. Obwohl es auch keine Unterlagen über sein zweites juristisches Staatsexamen bei der Reichsjustizprüfungskammer gibt, eröffnete er 1949 wieder seine Anwaltskanzlei und machte eine beachtliche Nachkriegskarriere. Seine wahre Vergangenheit habe ich aus den Archiven der französischen Résistance. (Mein Buch : TOSCA)
Und da wundern sich heute noch erwachsene Menschen über die Mitwisserschaft des AA? Lächerlich! Reichsaussenminister von Ribbentrop wurde nicht umsonst als Kriegsverbrecher vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal veruteilt und hingerichtet. Dass der damalige Staatssekretär im AA, Freiherr von Weizsäcker, an der Ausweisung von Thomas Mann beteiligt gewesen sein soll, ist daher eher eine Quantité négligable. Möglicherweise hat er dem Literaturnobel-preisträger sogar damit das Leben gerettet. Aus Respekt vor seinem Sohn will ich mich nicht weiter über diesen Staatsekretär äussern.
Gleichwohl gebührt Joschka Fischer wenigstens die Anererkennung, dass er der einzige Minister war, der eine solche Studie anfertigen liess. Auf eine solche Weisung des Bundesinnenministers, der Bundesjustizministerin, des Bundesverteidigungsministers und des Bundesfinanzmisters werden wir wohl vergeblich warten. Oder weiss heute niemand mehr, dass nicht ein einziger Richter, Staatsanwalt oder Ministerialbeamter je für seine Verbrechen in der NS-Blutjustiz zur Verantwortung gezogen wurde? Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer musste, um die Kriegsverbrecher Mengele und Eichmann jagen zu können, zum telephonieren in eine Telephonzelle, weil sonst seine Juristen die Verfolgung vereitelt und verraten hätten.
Weiss heute niemand mehr, dass die Polizeibehörden, das Bundeskriminalamt und die Schutz- und Bereitschaftspolizei aus denselben Beamten rekrutiert wurde, die die grausamsten Verbrechen hinter der Front und beim Aufbau des NS-Repressionsapparates in allen besetzten Gebieten einschliesslich dem Kernland Deutschland begangen haben? Die neue Kriminalpolizei war teilweise nicht anderes als die Gestapo mit anderer Dienstbezeichnung. Im Bundesnachrichtendienst krochen diesselben Nazis unter, die die grausamsten Verbrechen in den besetzten Gebieten, insbesondere in Frankreich, Holland und an der Ostfront begangen hatten.
Weiss heute niemand mehr, dass es das Reichsfinanzministerium war, das das bei der Vernichtung der Juden erbeutete Vermögen einschliesslich des Zahngoldes aus den Vernichtungslagern über schweizer Banken gewaschen hatte, um damit Waffen und Munition zu kaufen? Die Schweiz lieferte noch im April 1945 Kanonen an die deutsche Wehrmacht! ("Die Schweiz wäscht weisser" von Prof. Jean Ziegler)
Bis weit in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts sassen diese Nazis in allen entscheidenden Positionen der Bundesrepublik Deutschland. Sogar der Kanzleramtsminister unter Konrad Adenauer, Herr Dr. Globke, war Kommentator der Nürnberger Rassengesetze.
In der Bundeswehr führten teilweise dieselben Generäle, dieselben Offiziere wieder das Kommando, die diesen verbrecherischen Krieg begeistert mitgemacht hatten. Die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 wurden in der Bundeswehr noch bis in die siebziger Jahre als Hochverräter bezeichnet. Die Kasernen hiessen denn auch entsprechend: Rommel-, Mannstein-, Hindenburg - Kasernen usw.
Wir alle, die wir die Söhne unserer im NS-Regime lebenden Väter sind, haben ein Leben lang mit den Lügen unserer Väter zu kämpfen. Eine Aufarbeitung der Verbrechen unserer Väter scheint erst jetzt möglich zu sein. Spät, aber besser als nie!
Doch hüten wir uns davor, den Stab über die mutigen Menschen im Osten Deutschlands zu brechen. Wie muss einem Ossi zumute sein, wenn er dieselben Parteisekretäre der SED heute wieder in den höchsten politischen Funktionen sieht? Wie muss ihm zumute sein, wenn er zu den Behörden gehen muss und dieselben Schergen wieder bräsig in ihren Amtsstuben „verwalten „ sieht? Und wie muss ihm erst zumute sein, wenn er vor ein Gericht zitiert wird, das heute noch mit bis zu 47 % aus ehemaligen DDR Richtern und Militärstaatsanwälten zusammengesetzt ist?