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Macht und Gewalt
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Maximilian Schmid Offline
Querdenker
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Beitrag: #3
Macht und Gewalt > Studentenrebellion und Gewalt
Macht und Gewalt > Studentenrebellion und Gewalt

Die weltweite Studentenrebellion begrüßt Arendt als ursprünglich moralisch motivierte Bewegung, die vor allem in den USA zur friedlichen Reform der Universitäten beitragen habe, jedoch immer problematisch wurde, wenn sie Gewalt anwandte oder sich langfristigen politischen Zielen zuwandte. Die Autorin setzt sich mit veröffentlichten Texten, insbesondere der deutschen und der US-amerikanischen Bewegung auseinander und bewertet die Praxis der amerikanischen Studenten- und Bürgerrechtsbewegung sowie der Black Panther-Organisation.

An den Sohn ihres Freundes im Pariser Exil, den Studentenführer Daniel Cohn-Bendit, schrieb sie 1968, sein Vater wäre stolz auf ihn gewesen, hätte er das Engagement seines Sohnes im Pariser Mai verfolgen können. Trotz ihrer positiven Grundhaltung zur Studentenbewegung, übte sie derart heftige Kritik, dass viele ihre allgemeine Position übersahen. In einem Interview mit Adelbert Reif, welches in der deutschen Ausgabe des Buches abgedruckt ist, stellte sie diese positive Grundbewertung nochmals klar. (S. 109)

In Macht und Gewalt hebt sie hervor: Die neue Generation von Rebellen agiere angesichts der Bedrohung des Lebens auf der Erde durch den technischen <Fortschritt> bewusster als die ältere. (S. 20f) „...diejenigen, die sich am heftigsten und kompromisslosesten über sie [die Rebellen] entrüsten, (sind) zumeist auch der Meinung, daß wir in der besten aller möglichen Welten leben.“ Sie weigern sich demzufolge die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen. (S. 21)

Die Studentenbewegung handle lokal und daher vielfältig, obwohl sie ein weltweites Phänomen sei. Theoretische Gewaltkonzepte, die die Rhetorik der Neuen Linken bestimmen, beziehe diese z.B. von Frantz Fanon und Jean-Paul Sartre. Es bestehe dabei die Gefahr, die Gewalt zum „Allheilmittel“ zu erklären. Gedanken, Emotionen und Vorstellungen über Gewalt und <Helden> lebten auf, die sich zunächst in „Großsprecherei“ äußerten. Diese Ideen glaubte Marx bereits begraben zu haben, so argumentiert sie. Die Verwirklichung von Rachegedanken und <blinder Wut> lasse Menschheitsträume zu Alpträumen werden. (S. 23f)
„Wie selten waren Sklavenaufstände in der Geschichte, wo hören wir schon von Revolten der Erniedrigten und Beleidigten. Und wo es schon einmal zu einer Verwirklichung solcher Träume kam, da war es die Entfesselung der <blinden Wut>, die den Traum für alle zum Alptraum werden ließ.“ (S. 24)

Auch im Falle des Sieges, ändere sich weder „die Welt“ noch „das System,“ sondern nur „das Personal.“

Die Impulse für Gewalttätigkeiten an den Universitäten und auf den Straßen der westlichen Industriestaaten sieht sie in den Zielen der Rebellen, «dem Feind die Maske vom Gesicht zu reißen», «seine Machenschaften und Manipulationen zu entlarven, die es ihm erlauben ohne Gewaltmittel zu herrschen», d.h. auch auf die Gefahr der eigenen Vernichtung hin, Aktionen zu provozieren, damit die Wahrheit ans Licht kommt. (S. 66)

Selbstverteidigung indessen versteht sie nicht als <irrationale> Gewalt. Die gewalttätige Antwort auf staatliche Heuchelei lehnt sie insofern ab, als damit die „Jagd auf Verdächtige“ seitens des Staates hervorgerufen werde. Als Beispiel führt sie ein Pamphlet der deutschen Studenten an, dass Der Spiegel Anfang 1969 zitierte und äußert sich dazu folgendermaßen:
„Um zu glauben: <Erst dann, wenn der Staat die Gewalt offen praktiziert, können wir diese Scheiß-Gesellschaft mit angemessenen Mitteln bekämpfen und vernichten,> muß man offenbar den Verstand verloren haben.“(S. 99)[1]

Diese vulgarisierte Variante der kommunistischen Politik der 30er Jahre zeige den „politischen Schwachsinn“ von „Gläubigen.“ Die Autorin stellt fest, dass die deutschen Studenten mehr zum Theoretisieren neigen als ihre Kommilitonen in Ländern mit anderer politischer Tradition. Daher sei die Isolierung der Bewegung in Deutschland besonders ausgeprägt. Die deutschen Studenten wirken, so Arendt weiter, als „Mahner und Erinnerer“ für die Alten, was die Abneigung noch größer mache. (S. 99)

Besonders kritisiert Arendt, dass die deutschen Studentenrebellen sich nicht ernsthaft für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie eingesetzt hätten, eine Frage, die die politische Denkerin für den Dreh- und Angelpunkt der deutschen Außenpolitik hält und auch für den „Prüfstein des deutschen Nationalismus.“ (S. 100)

Die Autorin beschäftigt sich mit dem Einsatz kollektiver militärischer wie revolutionärer Gewalt, wodurch – hier zitiert sie Fanon – <individualistische Werte als erste verschwinden>. An deren Stelle tritt die so genannte Kameradschaft, die intensiver empfunden werde als alle Formen von Freundschaft oder Solidarität. (S. 67) Laut Arendt existiert ein „Zauber des kollektiv gewalttätigen Handelns.“ Diese Faszination der „Brüderlichkeit“ ist in allen solchen Situationen zu finden, auch auf dem Schlachtfeld. (S. 68) Der eigene Tod sei von der Unsterblichkeit der Gruppe, „zu der wir gehören,“ begleitet. Es scheine, als ob die unsterbliche Lebenskraft da aktuell sei, wo die Gewalttätigkeit herrscht. Diese elementaren Erfahrungen haben jedoch, so vermerkt Arendt, noch nie zu „dauerhaften politischen Institutionen“ geführt. (S. 69) Sie verleiten vielmehr zu „falschen Hoffnungen,“ dass nämlich aus ihnen „eine neue Gemeinschaft“ und ein <neuer Mensch> entstehen könne. Als Beispiel führt sie Rudi Dutschke an, der den „utopischen Unsinn“ von der <Herausbildung des neuen Menschen> vertrete.

Theorien der Gewalt seien besonders aus den Lebensphilosophien Nietzsches und Bergsons bekannt. Auf dem Hintergrund der Apologien der Gewalt Sorels und Paretos sieht sie die Gewaltlehren des 20. Jahrhunderts.

Für die „wahre Elite“ der modernen Welt hält sie gegenwärtig (1969) die <Gemeinschaft der Wissenschaftler und Intellektuellen> (Daniel Bell) wegen der enormen Produktionssteigerung der letzten Jahrzehnte, die ausschließlich den Wissenschaftlern zuzuschreiben sei. (S. 72f) Diese Elite sei nicht an Klassen gebunden, es fehlten ihr Erfahrungen mit der Machterzeugung und Machtausübung. Sie fühlt sich, so Arendt, kulturellen und damit auch revolutionären Traditionen verpflichtet, ist aber verstreut und sich über ihre neue Rolle in der Gesellschaft nicht unbedingt bewusst. Zu dieser Schicht werden, fährt Arendt fort, auch die „rebellischten“ der Studenten gehören, die jetzt noch um Anerkennung derjenigen werben, die ihnen feindlich gesinnt sind, „weil jede Störung des glatten Funktionierens der Konsumgesellschaft sie am empfindlichsten treffen würde.“ (S. 73) An anderer Stelle betont sie, dass die große Mehrheit der jungen Rebellen nur zu gern ihre <Entfremdungspolitik> aufgeben würde und bei der ersten ernsten Gelegenheit alles zu tun bereit sei, nicht um an dem Umsturz des Systems mitzuhelfen, sondern um es wieder in Gang zu bringen. (S. 85)

Auf der ganzen Welt gibt es, schreibt Arendt, eine Gemeinsamkeit aller Studentenunruhen: den Kampf gegen die Bürokraten. (S. 80) Auf den ersten Blick unterscheiden sich die östlichen Bewegungen für Rede- und Gedankenfreiheit von den westlichen, die über diese Errungenschaften bereits verfügen und sie sogar für eine Art von „Betrug“ halten, unterstreicht Arendt. Die Rebellen des Ostens fordern jedoch die Vorbedingungen für politisches Handeln, wohingegen die des Westens sich gegen das Überhandnehmen „gigantischer,“ „anonymer“ „Verwaltungsapparate,“ „das Aufkommen riesiger Parteibürokratien“ und die mangelnde Möglichkeit zu politischem Handeln wenden. (S. 81f)


[1] Arendt zitiert aus: Der Spiegel 10.2.1969, S. 30.



Quelle: Macht und Gewalt > Studentenrebellion und Gewalt
01.01.2009 20:44
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Macht und Gewalt - Maximilian Schmid - 02.04.2008, 16:33
Macht und Gewalt > Studentenrebellion und Gewalt - Maximilian Schmid - 01.01.2009 20:44



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